Zurück   Drucken

StIF / Systemische Methode / Buchbesprechungen /

 
 
 

Selvini / Magersucht

Rezension zu: „Magersucht – Von der Behandlung einzelner zur Familientherapie„

 

Autorin: Mara Selvini Palazzoli

Verlag: Klett-Cotta Stuttgart, 1998

 

Rezensentinnen: Christine Bayha und Julia Spitschan, 2016

 

 

In Palazzolis Buch über die Magersucht finden wir eine wissenschaftliche Studie, die zuerst einen kurzen Überblick über die Geschichte der Magersucht gibt. Dann erfahren wir eine exakte und prägnante Einführung in den Forschungsstand, gefolgt von der theoretischen Einbettung: Paradigmenwandel vom intrapsychischen und Individuums zentrierten Ansatz, vertreten durch die Psychoanalyse hin zu einer interaktionellen Betrachtungsweise; Watzlawicks Kommunikationstheorie, Systemtheorie, Familientherapie, Kybernetik; Kontextgebundenheit / ökologischer Ansatz, innerfamiliäre und psychosoziale Aspekte, gesellschaftliche Rollenerwartungen und Konflikte.

Weiterhin erläutert sie das Forschungsdesign, die Durchführung der Untersuchung mit Magersuchtsfamilien und ihre Ergebnisse im Hinblick auf die Behandlung der Familien, deren Verhaltensweisen und therapeutischen Interventionen / Taktiken. Zuletzt gibt sie einen Gesamtüberblick, eine Zusammenfassung der Ergebnisse und zieht Schlüsse für die therapeutische Praxis.

 

Obwohl das Buch beim ersten Durchlesen sehr wissenschaftlich orientiert ist, gewinnt es durch die eindrücklichen Fallbeispiele an Verständlichkeit und wird von Mal zu Mal für den Leser verständlicher und gewinnbringender. Nicht nur in Bezug auf die Thematik der Magersucht bringt das Buch eine Vielzahl an Input mit sich, sondern auch in Bezug auf die systemische Denkweise und Familientherapie.

 

Alles in allem würden wir das Buch weiterempfehlen, wenn der Leser sich auf das Buch einlassen möchte.

 

 


__________________________________________________________

 

Mara Selvini Palazzoli: Magersucht

Verlag: Klett-Cotta Stuttgart, 1982

 

Zusammengefasst von Bernd Roedel, 2005


Vor gut 40 Jahren, nämlich 1963, erschien Mara Selvini Palazzolis Buch „L ’anoressia mentale„, das der Klett-Cotta-Verlag 1982 in deutscher Sprache („Magersucht„) herausbrachte.
Es zeigt nicht nur sehr eindrücklich Mara Selvinis Weg von der Medizinerin, Psychiaterin, Psychoanalytikerin hin zur Familientherapeutin und Sytemischen Therapeutin (womit es in einer Reihe mit Helm Stierlins Buch „Von der Psychoanalyse zur Familientherapie“ steht), sondern gibt auch einen guten historischen Überblick über die Betrachtung und Behandlung der Magersucht in den letzten 125 Jahren.
So setzt sie sich zunächst mit der medizinischen Differentialdiagnose und den medizinischen Behandlungsansätzen auseinander („dass die Magersucht zu einer verminderten Ausscheidung von Gonadostimolin führt“ etc.), beschreibt dann ihre psychoanalytischen Behandlungs-bemühungen („Deutung der Magersucht anhand der Objektbeziehungs-theorie„), um sich letztlich – nach ihrem Eintritt in das Mailänder Zentrum für Familienforschung – der „Kybernetik der Magersucht“ zuzuwenden.
Wer Mara Selvini kennt, der weiß, dass sie für halbe Sachen nicht zu haben ist. So wird sie mit Verve eine der bekanntesten Verfechterinnen der „neuen“ systemischen Sichtweise. Sie schreibt: Gibt man „das medizinische Modell auf, werden psychiatrische Probleme zu Problemen von Interaktionsstörungen.“ Folglich muss es das Ziel des Therapeuten sein, „diese Regeln zu ändern und damit die funktionale Modalität des Systems.„
Im vierten und letzten Teil ihres Buches schreibt sie über die Familie der Magersüchtigen: „In einem System, in dem die Wahrscheinlichkeit so groß ist, dass jede Kommunikation abgelehnt wird, scheint die Ablehnung von Nahrung in vollem Einklang mit dem Interaktionsstil der Familie zu stehen. Insbesondere stimmt sie völlig mit der Opferhaltung der Gruppe überein, in der Leiden im Spiel um Überlegenheit der beste Zug ist.„
Auf der Grundlage dieser Sichtweise entwickelt sie verschiedene therapeutische Interventionsmöglichkeiten und stellt diese vor.

Ich denke, dass es nach wie vor ein spannendes und anregendes Buch ist, das auch heute noch verdient, gelesen zu werden.

   
 
StIF / Stuttgarter Institut für Systemische Therapie, Beratung,
Supervision und Systemisches Coaching e.V.

Zurück   Drucken   Nach oben