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StIF / Systemische Methode / Buchbesprechungen /

 
 
 

Berg u. Steiner /

Insoo Kim Berg / Therese Steiner

Handbuch
Lösungsorientiertes Arbeiten mit Kindern

Zweite Auflage, 2006; Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg

Zusammengefasst von Beate Illner, April 2007


Therese Steiner, Dr.:  Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie, Schweiz
Insoo Kim Berg: Leiterin des Brief Family Therapy Center in Milwaukee, entwickelte mit Steve de Shazer die lösungsorientierte Kurzzeittherapie

Überblick:
In ihrem Buch erklären die Autorinnen schrittweise die Vorgehensweise der LOKT mit Kindern und Jugendlichen. Sie bieten zahlreiche Fallbeispiele und Formulierungen und gehen auf spezielle Fragestellungen konkret ein. Sie machen Mut zur Arbeit mit Kindern und zeigen, wie man über das Ernstnehmen und Akzeptieren Zugang zu den Kindern (und Eltern) findet. Die Lektüre ist auch eine gute praktische Anleitung für Anfänger.
Es gibt für alles, was Kinder tun – so unverständlich es zunächst erscheinen mag – „gute Gründe“. Und diese guten Gründe erschließen sich nicht immer auf den ersten Blick. Es bedarf der Geduld, der Offenheit, der Wertschätzung – eben der grundlegenden Haltung der „positiven Erwartung an die vorhandenen Kompetenzen, so gut sie auch derzeit verborgen sein mögen“.

Aus dem Inhalt:
- 1. Was heißt LOKT?
- 2. Vorgehen in der Praxis
- 3. Wie ein Kind erfasst wird
- 4. Praktische Fragen zu den Therapiesitzungen
- 5. Kindgerechte Kommunikation: Techniken und Methoden
- 6. Problembezogene Vorgehensweisen (Missbrauch, Trauma, Schulphobie etc.)
- 7. Jugendliche

Entwicklung der LOKT:
Erste Ansätze der LOKT zeichnen sich in den 70 er Jahren in vielen Quellen ab. Im Gegensatz zu den bis dahin vorherrschenden fixen Vorstellungen des traditionellen Problemlöseansatzes entwickelten sich allmählich neue Ideen. Eine große Bedeutung hatte die Entdeckung „Ausnahme vom Problem“ am Anfang der 80er Jahre.

Dauer:
6 – 8 Sitzungen; Tendenz: weniger; Abstand der Sitzungen oft 1 Monat.

1. Zentral für LOKT:

1. Herausarbeiten von Zielen (in 1. Sitzung)
Der Therapeut hat die Aufgabe, die Erklärungen des Problems in Hinweise auf Lösungen oder Ziele umzuwandeln. Hierzu bittet er die Erwachsenen, konkrete, verhaltenbezogene und messbare Kriterien für ein gelungenes Ergebnis zu beschreiben. Die Autorinnen nehmen an, dass die Fokussierung auf die Lösung potentiell zur Auflösung der Probleme führt. Man muss die Ursache des kindlichen Problems nicht kennen, da zwischen dem Problem und der potentiellen Lösung nur eine geringe Verbindung besteht (besonders bei komplexen Problemen).

2. unumstößliche Orientierung an kleinsten und kleinen Veränderungen
Wenn der Therapeut den bereits vorhandenen Fertigkeiten und Fähigkeiten des Kindes Aufmerksamkeit schenkt, kann er diese freilegen und aufbauen (Steigerung der vorhandenen Ressourcen). Die kleinen Ausnahmen und Bewältigungsstrategien müssen ein großes Gewicht erhalten.

Generell gilt, dass der Klient der Experte für seine eigene Situation ist. Daher muss der Therapeut einfühlsam und sensibel zuhören.
Diese Vorgehensweise klingt vordergründig einfach. Aber zum Durchhalten in konkreten Situationen ist viel Wissen und Erfahrung nötig.


2. Vorgehen in der Praxis:

In der ersten Sitzung werden folgende Fragen erörtert:
1.  Welches Ergebnis wünscht sich der Klient?
2. Welche überzeugende Erklärung haben Klient und Therapeut dafür, dass dieses Ziel zu erreichen ist?
3. Was hat der Klient im Hinblick auf den Zielzustand bereits erreicht?
4. Welche kleinen Schritte müssen unternommen werden bis zum Ziel?
5. Wie nah ist der Klient seinem Ziel schon gekommen?
Zentrale Techniken sind hierbei Ausnahme-, Skalierungs-, Wunder- und Bewältigungsfragen sowie eine Denkpause und Rückmeldung.
In der Folgesitzung werden signifikante Veränderungen in ihrer Bedeutung aufgewertet und ausgedehnt. Hier ist respektvolles Zuhören und ein offenes Ohr für positive Anzeichen gefragt.



3. Erfassen des/der Klienten:

Die Autorinnen führen aus, wie sie den Entwicklungsstand des Kindes ermitteln und
die Familie einschätzen. Sie fügen nützliche Fragen an und geben Anregungen für gemeinsame Aktivitäten der Familienmitglieder (gemeinsames Bild malen/Objekt bauen), um sich einen Eindruck über die Interaktionsmuster machen zu können.
Ein häufiges Problem im Therapien ist, dass schüchterne Kinder nur langsam in Kontakt gehen. In diesen Fällen sprechen die Autorinnen mit den Eltern über die Kompetenzen und Stärken des Kindes und beobachten dabei seine nonverbalen Reaktionen.

4. Praktische Fragen zu den Therapiesitzungen:

Hier führen die Autorinnen die Strukturierung der Sitzungen, die Elternarbeit sowie die Ausstattung der Praxis mit Materialien und Spielzeugen aus.
Vor der ersten Sitzung verschicken Steiner/Berg einen Fragebogen, der die Erfolge, Stärken, Fertigkeiten und Leistungen des Kindes erfasst. In der ersten Sitzung
sprechen sie bei Kindern meistens mit den Eltern allein. Sie gehen aber sehr flexibel und fallbezogen vor. „Jeder, der zu einer für das Kind angemessenen Lösung beitragen kann“ ist in der Sitzung willkommen. Weiterhin erklären sie den Kindern den Sitzungsablauf, wobei sie der Situation einen normalen Anstrich geben.
Die Autorinnen schildern eine Reihe schwieriger Situationen und wie man damit umgehen kann:
1. Wenn  man als Therapeut mit einem provozierenden und trotzigen Jugendlichen arbeiten muss oder es mit Eltern zu tun hat, die eindeutig keinen Respekt vor der Privatsphäre ihres heranwachsenden Kindes kennen, kann es schwierig sein, objektiv zu bleiben. Wenn der Therapeut seinen Blick darauf verengt, wer mehr Schuld an den Problemen hat, verliert er leicht die Objektivität und ergreift für die Eltern oder das Kind Partei. Dies würde mit Sicherheit auf beiden Seiten zu einem Verlust der Glaubwürdigkeit führen.
2. Therapeut an Mutter: „Was würde sich ändern, wenn die Tochter Ihnen gehorcht? Wir wissen zwar noch nicht, wie das geschehen wird, aber nehmen wir einfach mal an, dass sie es tut.“ In der Regel nennt die Mutter hierauf Entlastendes oder positive Reaktionen.
Ein weiteres Kapitel gibt hilfreiche Tipps zur Kooperation mit anderen professionellen Helfern (das Ziel im Auge behalten, bei angespannten Situationen positiv umdeuten, Anerkennung geben).


5. Kindgerechte Kommunikation:

Kinder kommunizieren über Handlungen, bildhafte Vorstellungen, Spielereien, Spiele und viele andere kreative Aktivitäten. In diesem Kapitel wird geschildert, auf welche vielfältige Weise die kindlichen Ressourcen ( Kompetenzgefühl, Selbstvertrauen, Wahlmöglichkeiten, Sicherheit etc.) besser erschlossen werden können.
Angenehmes Umfeld:
Wichtig ist ein behagliches Umfeld. Das Spielmaterial muss die Kommunikation mit dem Kind intensivieren, daher eignet sich besonders unstrukturiertes Material, mit dem der Zugang zur spezifischen Welt des Kindes eher möglich ist (Tücher, Papier, Stifte). Die Autorinnen geben konkrete Hinweise zur Ausstattung der Praxis (Gesprächs-, Spiel-, Aktivbereich).
Veränderungen benennen und visualisieren:
Darüber hinaus zeigen die Autorinnen auf, wie hilfreich es ist, wenn ein Kind die Lösung benennt. Mit dieser Benennung  kann das Kind die konkrete Vorstellung verbinden, wie das Problem langsam zu einer Lösung wird. Sobald in der ersten Sitzung das Ziel klar ist, kann man das Kind (ab Schulalter) dazu ermuntern, Fantasiefiguren, Tiere, Ereignisse in der Natur, im Sport etc. zu finden, mit denen sich die gewünschte Veränderung visualisieren lässt (Ther.: „Welches Tier passt zu deinem Zustand, wenn du normal bist?“).
Geschichten:
Bilderbücher, Geschichten erfinden
Bilder malen:
Interaktives Bildermalen, Schnörkelspiel, Cartoons
Mit Cartoons eine Lösung zu entwickeln hilft insbesondere den Kindern, die ihre intensiven Emotionen nicht in Worte fassen können, eine Lösung zu entwickeln. Ein großes Blatt Papier wird in 6 Felder unterteilt.
1. Feld: das Problem darstellen.
2. Feld: den mächtigen Helfer darstellen, den sich das Kind wünscht und der sich erfolgreich mit dem Problem befassen wird.
3. Feld: die Lösung, die das Kind gemeinsam mit dem Helfer ausgearbeitet hat.
4. Feld: wie sich die Lösung auswirkt und was sich für das Kind ändert.
5. Feld: fokussiert auf die Zeit und den Ort, an denen die Lösung besonders erwünscht ist.
6. Feld: eine Art Zeichen, mit dem sich das Kind beim Helfer bedankt.
Spiele:
„Kräftige Hände“ (= Umriss beider Hände, pro Finger 1 Stärke),
Steckbrief, „Heiß und kalt“ (Hilfe annehmen, bei schlechten Verlierern),
„Simon befiehlt“ (Zuhören und Konzentration),
„Mit den Fingern schauen“ (=mit verbundenen Augen tasten: Sensibilität und Konzentration),
„Berührungen entziffern“ (taktile Sensibilität am Rücken)
Backgammon,
Abalone (Entscheiden, Vorausplanen)
Skalierungstechniken:
„Der Erfolgsturm“, Luftballons, Am Seil langgehen, „Himmel und Hölle“ (Hüpfspiel),
Experimente:
Münze werfen (bei „Zahl“ überrascht das Kind die Eltern mit einer neuen Aktivität).
„Als ob ein Wunder geschehen wäre“ = am „Wundertag“ tut das Kind so, als ob sein Problem verschwunden sei.
Selektiv beobachten (Eltern schenken den positiven Verhaltensweisen des Kindes Aufmerksamkeit).
Etwas völlig anderes tun (Eltern überraschen die Kinder)
Mehr von den Dingen tun, die funktionieren:
Anker setzen (eine Situation, in der sich das Kind selbstbewusst und erfolgreich gefühlt hat, visualisieren lassen)
Ein sicherer Ort (visualisieren lassen)


6. Behandlung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen:
Hier schildern die Autorinnen zentrale Vorgehensweisen und führen interessante Fallbeispiele an: die Beurteilung eines Kindes mit Behinderungen, wie man Eltern Entwicklungsrückstände mitteilt, Medikation, missbrauchte Kinder, Umgang mit Eltern, die ihr Kind misshandeln,  Kinder mit ADHS, Schulphobie, Kinder, die die Regeln nicht einhalten oder aggressiv sind.


7. Mit Jugendlichen ist es anders:
Eine Metapher für Eltern, die das trotzige, wechselhafte Verhalten ihrer Heranwachsenden nicht mehr verstehen: Wohnungs- und Möbelmetapher.
Wenn ein Kind geboren wird, ist es vergleichbar einer unmöblierten Wohnung. Im Laufe der Kleinkinder- und Kinderjahre richten die Eltern die Wohnung des Kindes liebevoll ein. Dabei schenken sie den verschiedenen Details große Aufmerksamkeit...Wenn nun das Kind ins Jugendalter kommt, übernimmt es die Wohnung, und damit diese zu seiner eigenen Wohnung wird, räumt der Jugendliche sämtliche Möbel aus der Wohnung. Im Laufe der Zeit sehen die Eltern, dass in der Wohnung des Jugendlichen fast alle alten Möbelstücke wieder Platz gefunden haben. Sie sind vielleicht nicht mehr an ihrem früheren Platz, doch Wohnung und Möbel wirken vertraut. > Eltern müssen wissen, dass der Jugendliche die Einrichtung nicht verändert, weil er gehässig ist, sondern weil er sie sich aneignen will.
Lob, Lob, Lob für die Eltern. Erst wenn die Eltern wissen, dass sie ihre heranwachsenden Kinder bis dahin kompetent erzogen haben, können sie sich zurücklehnen, ihre elterlichen Leistungen betrachten und nach Lösungen suchen. Dann können sie sich auch zurückziehen und den Jugendlichen Raum lassen, um zu experimentieren.

Anfang einer Therapie mit Jugendlichen: „Keine Ahnung!“ oder „Was soll´s...“
- Diese Äußerungen auf keinen Fall persönlich nehmen.
- Nicht darauf eingehen, wieso der Jugendliche in Therapie ist, sondern Informationen (insbesondere Ressourcen) über ihn gewinnen. „Was würde dein bester Freund auf meine Frage antworten, was du so richtig gut kannst?“ etc. Solche Fragen ermutigen den Jugendlichen über sich zu reden und bieten ihm eine wunderbare Gelegenheit, sich indirekt zu loben.
- Therapieziele aushandeln über die Meinung eines Dritten: „Wie kam deine Mutter auf die Idee, dass diese Sitzung für dich hilfreich wäre?“
- Jugendliche kommen meistens unfreiwillig zur Sitzung. Diesem Widerwillen ist ein Anstrich von Normalität zu geben.
- Es beruhigt den Jugendlichen, wenn die Kriterien angesprochen werden, die für die Beendigung der Sitzungen erfüllt sein müssen.
Auch hinter den bizarrsten Verhaltensweisen Jugendlicher steht ein „guter Grund“. „Du musst einen guten Grund dafür haben, dass...“
Sitzungsdauer: 15 –30 Minuten, maximal 40. Jugendliche sind schnell gelangweilt.

Regeln für Eltern:
Mehr von den Dingen tun, die funktionieren (Ausnahmen).
Etwas anderes tun und Muster durchbrechen (Gedankenexperimente).
Die Erfolge des Kindes werden als Verdienste der Eltern gewertet.
Woher wissen Sie, dass Ihr Kind das eigentlich besser könnte (Gut in Gegenwart des Kindes)?

Der Therapeut muss stets folgende Techniken im Hinterkopf haben:
- Neutral bleiben!
- Dem Konflikt einen normalen Anstrich geben!
- Ein Ereignis oder eine Handlung umdeuten (Nörgelei der Mutter > Sorge)!

Die Autorinnen gehen noch näher auf die Themen Gewalt, Suizidalität, Geheimnisse und Essstörungen ein.




8. Bewertung:

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Die große Erfahrung der Autorinnen in der Therapie mit Kindern und Jugendlichen war durchgängig spürbar. Der hohe Praxisbezug hat mit den Einstieg in die Kinder- und Jugendtherapie erleichtert. Ganz besonders haben mir die am Positiven orientierte Haltung der Therapeutinnen gefallen. Dadurch hat sich ein vertieftes Verständnis für eine neutrale Haltung gegenüber Kinder und Eltern bei mir entwickelt.
Verwirrend ist für mich noch, dass ich in Therapien weitgehend gewohnt bin, die problematischen Muster, die hinter Symptomen liegen zu verändern, also mehr ursachenorientiert vorzugehen. Dieser Aspekt findet ja in der LOKT keinerlei Berücksichtigung. Wie ich beide Vorgehensweisen integrieren werde, muss sich künftig erweisen. Jedenfalls ist die Haltung von Steiner/Berg eine Bereicherung für mich.

   
 
StIF / Stuttgarter Institut für Systemische Therapie, Beratung,
Supervision und Systemisches Coaching e.V.

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