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StIF / Systemische Methode /

 
 
 

Geschichte der Systemischen Therapie

Bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts hatte man als Erklärung für symptomatisches Verhalten nur ein medizinisches Modell zur Verfügung: irgendetwas im Körper stimmt nicht. Folglich gilt es, die Ursache für diese körperlichen Störungen zu finden, um sie dann z.B. mit Hilfe von Medikamenten behandeln zu können.
Beeinflusst und angeregt durch die Entdeckung des neunzehnten Jahrhunderts über Formen der Energie (z.B. Elektrizität, Dampf etc.) erfand Siegmund Freud um die Jahrhundertwende (1900 a.d.) ein psychodynamisches Modell als Erklärung für symptomatisches Verhalten: die Psychoanalyse. Die Ursache für die Symptome werden in einem Trauma oder einem Konflikt gesehen, das oder den der Kranke in der Vergangenheit erlebt hat und aus bestimmten Gründen ins Unbewusste verdrängt hat. Folglich muss der Therapeut dem Kranken dabei helfen, die Erinnerung an dieses verdrängte Erlebnis zurückzugewinnen und die damit verknüpften Emotionen neu zu empfinden, damit dieser sein Symptom aufgeben kann.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts (über die Stationen der reflexologischen Psychologie, wie sie Pawlow entwarf, des Behaviorismus, den Thorndike und Watson begründeten und des Neobehaviorismus von Skinner) wurden die Grundlagen für ein weiteres Erklärungsmodell symptomatischen Verhaltens gelegt: das Lernen. Symptome werden als erlernte Fehleinstellungen oder erlernte Fehl-Verhaltensweisen gesehen, die es im Rahmen der Verhaltenstherapie wieder zu verlernen galt.

All diese linearen Ursache-Wirkungs-Modelle hatten vor allem eines gemeinsam: sie betrachteten symptomatisches Verhalten als ein Versagen. Der Ort des Versagens oder der Ursache war in jedem Fall das Individuum. Dort waren entweder die Gene, die Biochemie, die intrapsychische Entwicklung oder das Lernen fehlerhaft.

Anfang der 50er Jahre trugen vor allem in den USA viele Forscher und Psychotherapeuten (Ackermann in New York, Bowen in Washington DC, Wynne und Singer in Bethesda, Whitaker in Atlanta, Minuchin, Boszormenyi-Nagy und Framo in Philadelphia, Lidz und Fleck in Yale, Bateson, Jackson, Haley, Weakland, Watzlawick, Bell und Satir in Palo Alto, um nur einige zu nennen) mit ihren Arbeiten und Ideen dazu bei, dass allmählich ein neues, nicht kausal-lineares, sondern zirkuläres Erklärungsmodell entstand. Bateson zeigte in «Mind and Nature» auf, dass in der „Welt der lebenden Formen nicht nur die Kraft, sondern auch die Information und die Beziehung wichtig“ seien. In seinem klassischen Beispiel weist er darauf hin, dass es einen Unterschied macht, ob jemand einen Stein oder einen Hund tritt: die Bewegung des Steins ist aufgrund der Krafteinwirkung, der Steingröße etc. eindeutig voraussehbar, die Reaktion des Hundes jedoch nicht, da diese abhängig von der Beziehung zwischen dem Hund und dem Tretenden sowie von der Interpretation des Tritts durch den Hund ist. Der Hund könnte sich krümmen, er könnte davonlaufen, jaulen, bellen oder beißen. Mit seiner Reaktion nimmt der Hund wiederum maßgeblichen Einfluss auf das Verhalten desjenigen, der ihn getreten hat, usw. usf. Man spricht hier von zirkulären oder rekursiven Prozessen.

Folglich wurden „Probleme“ und auch Krankheiten mehr und mehr als Ergebnisse der Kommunikations- und Interaktionsstrukturen in sozialen «Systemen» gesehen. Erstmals erklärte man nicht das Individuum für fehlerhaft, sondern die Kommunikation und Interaktion zwischen den Mitgliedern eines sozialen Systems: die Familientherapie war geboren.

Die oben genannten Forscher waren zumeist auch Begründer verschiedener «Schulen» oder Richtungen, von denen hier nur einige der wichtigsten in sehr knapper Form vorgestellt werden sollen.

Boszormenyi-Nagy leitete seinen Ansatz von der psychoanalytischen Denkweise ab. Er fokussierte vor allem auf intergenerationale Loyalitäten. Bindung und Ausstoßung betrachtete er unter dem Aspekt, dass Familien über die Generationen hinweg gewissermaßen „Konten“ führen, inwieweit bestimmte Vermächtnisse erfüllt wurden oder nicht. Der „Kontostand“ führt dann entweder zur Ausstoßung aus dem System oder nicht. Ein ähnliches Modell entwickelten hier in Deutschland Sperling und Stierlin. Später entwickelte Stierlin mit seinen KollegInnen das sogenannte «Heidelberger Modell» weiter, indem er sich immer weiter von psychoanalytischen Ideen entfernte und stattdessen viele Ideen der neueren systemischen Therapie, vor allem der Palo-Alto-Gruppe um Watzlawick, der Mailänder Gruppe um Selvini Palazzoli und der Ansätze der Kybernetik zweiter Ordnung aufgriff und integrierte. Minuchin lenkte seine Aufmerksamkeit bei seiner «Strukturellen Familientherapie» insbesondere auf die Grenzen und Hierarchien innerhalb eines Familiensystems. Werden die Generationsgrenzen zwischen den Eltern und den Kindern eingehalten? Wie sind die Subsysteme organisiert? Er geht davon aus , dass Familiensysteme dann gut funktionieren, wenn die Generationsgrenzen intakt sind und die Grenzen weder zu starr, noch zu durchlässig sind. Aufgrund der Normativität dieses Modells hat die Bedeutung seines Ansatzes deutlich verloren, zweifelsohne hat er jedoch sehr wesentliche Gedanken zur systemischen Therapie beigesteuert. In Europa hatte er lange Zeit die Arbeit des Institute of Family Therapy in London stark beeinflusst (Whiffen, Byng-Hall).

Satir entwickelte ihren wachstumsorientierten oder erlebniszentrierten Ansatz in Anlehnung an die Humanistische Psychologie. In ihrer Arbeit fokussierte sie besonders auf den Selbstwert eines Individuums. Jemand, der in der Lage ist, sich selbst wertzuschätzen, wird auch in der Lage sein, klar und kongruent zu kommunizieren und eventuell entstehende Probleme respektvoll bezüglich der Freiheit des jeweiligen Gegenübers lösen. Darüber hinaus gab sie in ihrer Arbeit dem Einsatz von «Familienskulpturen» breiten Raum. In Deutschland fand ihr Ansatz insbesondere bei dem Weinheimer Institut große Resonanz.

Die „Kybernetik zweiter Ordnung“ und der Konstruktivismus
Anfang der neunziger Jahre entwickelte sich eine vor allem erkenntnistheoretische Diskussion, die eine nachhaltige Veränderung familientherapeutischer Denkansätze zur Folge hatte. Zuvor hatte man zwar die Familie als ein soziales System gesehen, doch welche Rolle spielte der Therapeut oder der vermeintliche Beobachter? Wenn eine Familie, ein Paar oder ein Einzelklient sich mit einem Therapeuten trifft und umgekehrt, so entsteht ein neues System, das wechselseitig verbal und nonverbal aufeinander Einfluss nimmt. Der Therapeut wird zu einem Teil des Systems, und da jedwede Wahrnehmung subjektiv ist, gibt es auch nur eine subjektive Beschreibung der Realität. In den therapeutischen Sitzungen «erschaffen» die Familien gemeinsam mit dem Therapeuten eine Realität, sie konstruieren ihre Wirklichkeit.

Wenn aber dem so ist, wie kann ein Therapeut dann noch einer Familie sagen, was «besser» oder «schlechter», was «richtig» oder «falsch» ist? Wie kann ein Therapeut dann noch eine Familie «behandeln» wollen?

Im Zuge dessen begann sich im deutschsprachigen Raum der Begriff „Systemische Therapie“ (anstatt «Familientherapie») durchzusetzen. «Familientherapie» ist ebenso wie «Paartherapie» oder «Einzeltherapie » nur eine Beschreibung des Settings, in dem Systemische Therapie durchgeführt wird.

Nachdem sich die oben beschriebenen Erkenntnisse durchgesetzt hatten, begann man, Therapie weniger als Möglichkeit zu sehen, Menschen zu verändern, sondern Therapie eher als die Schaffung eines Rahmens oder Kontextes zu begreifen, in dem Veränderung auftreten kann. Damit einhergehend entstanden neue therapeutische Handlungsansätze wie z.B. das Reflecting Team (T. Andersen), therapeutische Konversationen (L. Boscolo / G. Cecchin), narrative Ansätze (M. White), die lösungsorientierten Ansätze (S. de Shazer) etc.

   
 
StIF / Stuttgarter Institut für Systemische Therapie, Beratung,
Supervision und Systemisches Coaching e.V.

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